Sechs Wochen Interviews, die Entscheidung aus dem Bauch heraus – und drei Monate später ist klar: falsch gelegen. Genau dieses Problem löst die WHO-Interview-Methode, entwickelt von Geoff Smart und Randy Street und beschrieben in ihrem Buch Who: The A Method for Hiring. Das Verfahren ersetzt Intuition durch einen scorecard-gestützten Prozess, der laut den Autoren auf 1.300 Stunden Interviews mit Hunderten von Führungskräften basiert – und eine Trefferquote von 90 % vorweist.
Hier erfährst du Schritt für Schritt, wie du es umsetzt.
Warum die meisten Einstellungsentscheidungen schiefgehen
Die meisten Bewerbungsgespräche sind Unterhaltungen, keine Evaluierungen. Ein paar Verhaltensfragen, eine gut einstudierte Antwort – und du gehst aus dem Gespräch mit dem Gefühl: "Die Person passt." Das ist kein strukturiertes Hiring. Das ist Stimmungspolitik.
Das eigentliche Problem: Unstrukturierte Gespräche bevorzugen Menschen, die gut interviewen, nicht zwangsläufig die, die gut arbeiten. Und diese beiden Gruppen überschneiden sich weniger, als man denkt.
Was die WHO-Methode wirklich misst
Das WHO-Interview prüft bei jeder Station im Lebenslauf drei Dinge: Was jemand getan hat, wie sie oder er es getan hat und welche Ergebnisse dabei entstanden sind. Statt hypothetischer "Was würden Sie tun?"-Fragen geht es um das, was tatsächlich passiert ist – Job für Job, Jahr für Jahr.
Dieses Vorgehen legt Muster offen. Hat die Person in mehreren Rollen konstant Ziele erreicht, oder hat sie einfach von einem boomenden Markt profitiert? Hat sie Teams aufgebaut oder gut eingespielten Teams übernommen? Die Methode trennt echte Leistung von geschickt erzählten Geschichten.
Was einen A-Player wirklich auszeichnet
Ein A-Player ist nicht einfach jemand mit starken Fähigkeiten. Es ist jemand, der messbare Ergebnisse liefert und zur konkreten Rolle und Unternehmenskultur passt. Eine brillante Entwicklerin, die nicht im Team arbeiten kann, ist in einem kollaborativen Umfeld bestenfalls eine B-Besetzung. Kontext zählt.
Die WHO-Methode zwingt dich, die Definition von "A-Player" für diese Stelle festzulegen, bevor du auch nur eine Person einlädst. Diese Definition steht auf deiner Scorecard.
Schritt 1 – Scorecard erstellen, bevor du irgendjemanden sprichst
Wer diesen Schritt überspringt, hebelt die gesamte Methode aus. Ein WHO-Interview ohne Scorecard ist schlicht ein weiteres unstrukturiertes Gespräch mit besseren Fragen. Genau hier hapert es in den meisten Teams – und genau hier scheitert die Methode, wenn sie scheitert.
Auftrag und Ziele der Stelle definieren
Formuliere einen einzigen Satz, der beschreibt, warum diese Stelle überhaupt existiert. Nicht die Berufsbezeichnung. Keine Aufgabenliste. Den Auftrag.
Dann notierst du 3 bis 5 messbare Ziele, die du im ersten Jahr von der eingestellten Person erwartest. Konkret. "Umsatz steigern" ist nichtssagend. "Outbound-Pipeline um 30 % innerhalb von 12 Monaten ausbauen" gibt dir etwas, das sich tatsächlich bewerten lässt.
Kompetenzen und Eigenschaften festlegen
Unterhalb der Ziele listest du die Kompetenzen und persönlichen Qualitäten auf, die für die Rolle entscheidend sind. Denk darüber nach, was jemanden unterscheidet, der wirklich aufblüht – von jemandem, der es gerade so übersteht.
Für eine Vertriebsstelle könnte das so aussehen:
- Klare, überzeugende Kommunikation
- Eigenmotivation und Beharrlichkeit
- Markt- und Branchenverständnis
- Netzwerkfähigkeit
- Kulturelle Passung zum Team
Jeder Punkt wird eine Zeile auf deiner Scorecard. Wenn du ihn nicht bewerten kannst, gehört er nicht drauf.
Das 1–5-Bewertungsraster nutzen
Jede Kompetenz bekommt während des Gesprächs einen Wert von 1 bis 5:
| Wert | Bedeutung |
|---|---|
| 1 | Vage Antwort, Kompetenz nicht erkennbar |
| 2 | Etwas Substanz, aber wenig Tiefe |
| 3 | Klar und relevant, könnte konkreter sein |
| 4 | Detailliert, zeigt starkes Verständnis |
| 5 | Außergewöhnliche Tiefe, echte Expertise |
Wichtig: Bewerte direkt nach jeder Antwort – nicht am Ende des Gesprächs. Das Gedächtnis verzerrt schnell. Schreib es sofort auf.

Schritt 2 – Kandidatinnen und Kandidaten finden, die zur Scorecard passen
Die Scorecard steht. Jetzt brauchst du Menschen, die es wert sind, danach bewertet zu werden.
Warum Empfehlungen Stellenportale schlagen
Empfehlungen bringen fast immer bessere Ergebnisse – weil jemand, dem du vertraust, die Person bereits eingeschätzt hat. Mitarbeiter-Empfehlungsprogramme, das eigene Netzwerk und Geschäftskontakte liefern Kandidaten, die auf eine Weise vorgeprüft sind, die kein Bewerbungsfilter leisten kann.
Das heißt nicht, dass Plattformen wie LinkedIn oder StepStone überflüssig sind – sie erweitern die Reichweite. Aber wer ausschließlich postet und hofft, fischt im falschen Teich.
Einen laufenden Talentpool pflegen
Die besten Hiring-Teams starten nicht mit der Suche, wenn eine Stelle frei wird. Sie führen eine laufende Liste interessanter Persönlichkeiten, denen sie auf Fachmessen, bei Branchenevents oder in früheren Interview-Runden begegnet sind. Wird eine Stelle offen, gibt es bereits Namen, die man anrufen kann.
Das verkürzt die Time-to-hire deutlich und verhindert die Panikeinstellungen, die entstehen, wenn es gestern schon jemanden gebraucht hätte.
Schritt 3 – Das WHO-Interview durchführen
Das eigentliche Gespräch sieht anders aus als ein klassisches Vorstellungsgespräch. Du springst nicht zwischen beliebigen Fragen hin und her. Du gehst den gesamten Werdegang der Person chronologisch durch.
Den Lebenslauf Station für Station durchgehen
Beginne mit der frühesten relevanten Stelle und arbeite dich vorwärts. Für jede Position willst du das vollständige Bild – nicht nur die einstudierten Highlights.
Dieser chronologische Durchlauf ist das Herzstück der WHO-Methode. Muster tauchen auf, die du bei ein paar Verhaltensfragen nie sehen würdest. Du erkennst, ob jemand konsequent mehr Verantwortung übernimmt oder stagniert. Ob die Person immer nach 18 Monaten geht. Ob frühere Vorgesetzte in jeder Geschichte als Sündenbock herhalten müssen.
Die drei Fragen für jede Station
Für jede Stelle im Lebenslauf stellst du folgende Fragen:
- Wozu wurdest du eingestellt? Das zeigt, ob die Person ihr Mandat verstanden hat.
- Was hast du tatsächlich erreicht? Hier kommen messbare Ergebnisse ans Licht.
- Warum hast du die Stelle gewechselt? Das offenbart Motivationsmuster und ob der Abgang selbst gewählt war.
Hake nach. Wer sagt, das Team "ausgebaut" zu haben, soll erklären: von wie vielen auf wie viele Personen? Wer "die Fluktuation verbessert" hat, soll Vorher-Nachher-Zahlen nennen. Vage Antworten ergeben niedrige Scores. So einfach ist das.
Zusätzliche Fragen fürs WHO-Interview
Über die drei Kernfragen hinaus kannst du folgende Fragen einsetzen:
- "Was war dein größter Erfolg in dieser Rolle?"
- "Was war dein tiefster Punkt, und was hast du daraus gemacht?"
- "Wer war deine Vorgesetzte oder dein Vorgesetzter – und was würden sie sagen, wenn ich sie anrufe?"
Die letzte Frage wirkt stärker als man denkt. Allein die Ankündigung, ehemalige Führungskräfte zu befragen, erhöht die Ehrlichkeit der Antworten spürbar.
Schritt 4 – Bewerten, vergleichen, entscheiden
Nach dem Gespräch folgt die Auswertung.
Scorecards aller Interviewer zusammenführen
Hat mehrere Personen aus deinem Team das Gespräch geführt, sammelst du alle Scorecards und vergleichst die Gesamtwerte. Achte auf Übereinstimmungen – aber auch auf Abweichungen. Sie zeigen meistens auf etwas, das eine Diskussion wert ist.
Wer von drei Interviewern durchgängig 4er bekommt, ist ein verlässlicheres Signal als jemand, der einmal eine 5 und einmal eine 2 erhält. Konsistenz zählt.
Warnsignale trotz guter Scores
Zahlen sehen nicht alles. Diese Anzeichen sollten auch bei guten Gesamtscores hellhörig machen:
- Die Person kann kein konkretes Scheitern oder einen schwachen Moment nennen (zu glatt, möglicherweise unehrlich)
- Jede Erfolgsgeschichte klingt wie eine Soloshow – das Team kommt nie vor
- Die Ergebnisse klingen beeindruckend, entstanden aber in einer Boomphase, in der praktisch jede Vertriebskennzahl nach oben zeigte
Gerade der letzte Punkt wird in den meisten Beschreibungen der WHO-Methode übergangen. Ein Vertriebsprofi, der in einem wachsenden Markt Rekordquoten eingefahren hat, muss das nicht zwingend in einem stagnierenden Umfeld wiederholen können. Analysiere den Kontext der Ergebnisse – nicht nur die Ergebnisse selbst.

Wo die WHO-Methode an Grenzen stößt
Keine Einstellungsmethode ist perfekt.
Ohne echte Scorecard funktioniert sie nicht
Wer Schritt 1 überspringt oder eine Scorecard mit vagen Punkten wie "gute Kommunikation" ohne Bewertungskriterien erstellt, landet wieder da, wo er angefangen hat: bei subjektiven Urteilen, die im Nachhinein gerechtfertigt werden. Die Scorecard ist das Fundament. Ohne sie ist das WHO-Interview nur ein langes Gespräch.
Kandidaten, die in günstigen Märkten geglänzt haben
Die Methode setzt stark auf vergangene Leistung als Prädiktor für künftige Ergebnisse. Aber diese Leistung entstand in einem bestimmten Umfeld – einem wachsenden Unternehmen, einer boomenden Branche, einer starken Führungskraft. Fallen diese Rückenwind-Faktoren weg, überträgt sich die Bilanz nicht automatisch. Frag immer nach, was um die Person herum passiert ist – nicht nur, was sie selbst getan hat.
WHO-Interview vs. STAR-Methode – wann du welche nutzt
Die STAR-Methode (Situation, Task, Action, Result) zoomt in eine einzelne Situation. Du bittest die Person, ein konkretes Erlebnis zu beschreiben und es in vier Teile zu gliedern. Das ist nützlich, um eine spezifische Kompetenz gezielt zu prüfen.
Das WHO-Interview umfasst den gesamten Berufsweg. Es ist breiter, dauert länger, legt aber Muster offen, die STAR nicht sichtbar machen kann.
Die praktische Aufteilung: Nutze STAR, wenn du eine oder zwei konkrete Fähigkeiten in einem fokussierten Gespräch testen willst. Nutze die WHO-Methode, wenn du eine finale Einstellungsentscheidung triffst und ein vollständiges Bild der Laufbahn brauchst. Die beiden Methoden konkurrieren nicht – sie lösen unterschiedliche Probleme.
Häufige Fehler, die dein WHO-Interview ruinieren
Kein Vorscreening – und 90 Minuten verschwendet
Ein vollständiges WHO-Interview dauert 60 bis 90 Minuten. Dieses Format mit allen Bewerbenden zu führen ist eine schlechte Investition. Mach zuerst ein kurzes Telefonscreening – 15 bis 20 Minuten – um die grundlegende Passung zu prüfen, bevor du in die komplette Methode einsteigst.
Frag dabei nach Karrierezielen und Gehaltsvorstellungen. Gibt es offensichtliche Diskrepanzen, hast du beiden Seiten eine Stunde gespart.
Erst am Ende bewerten – der häufigste Fehler
Wer wartet, bis fünf Gespräche geführt wurden, und erst dann bewertet, vergleicht Erinnerungen statt Daten. Bewerte jede Person direkt nach ihrem Gespräch, solange die Details noch scharf sind. Die Scorecards vergleichst du am Ende.
Häufige Fragen
Wie läuft ein WHO-Interview ab?
Das WHO-Interview folgt vier Schritten: eine Scorecard erstellen, die Auftrag und Kompetenzen der Stelle definiert; Kandidatinnen und Kandidaten über Empfehlungen und Talentpools suchen; ein chronologisches Karrieregespräch führen, das Was, Wie und Ergebnisse bei jeder Station bewertet; danach die Scorecards aller Beteiligten zusammenführen und eine datengestützte Entscheidung treffen.
Wie lange dauert ein WHO-Interview?
Plane 60 bis 90 Minuten für das eigentliche Gespräch ein. Das Telefonscreening vorab dauert 15 bis 20 Minuten, die Nachbewertung weitere 15 Minuten. Die Scorecard-Erstellung (Schritt 1) nimmt in der Regel 30 bis 60 Minuten in Anspruch – fällt aber pro Stelle nur einmal an.
Funktioniert das WHO-Interview auch für Berufseinsteiger?
Ja, aber mit Anpassungen. Berufseinsteiger haben noch keine lange Berufsgeschichte, die man Schritt für Schritt durchgehen könnte. Konzentriere den chronologischen Teil auf Praktika, Hochschulprojekte und Nebenjobs. Die Scorecard bleibt gültig – du gewichtest nur Potenzial und Lerngeschwindigkeit stärker als bisherige Ergebnisse.
Ist die STAR-Methode im Vergleich überholt?
Nein. Beide Methoden haben unterschiedliche Stärken. STAR geht tief in eine einzelne Kompetenz, das WHO-Interview kartiert die gesamte Laufbahn. Die meisten Teams profitieren davon, beide einzusetzen: STAR für gezielte Kompetenzchecks, die WHO-Methode für Entscheidungen in der Endauswahlrunde.





